moderne21 - Politik, Satire, Zivilgesellschaft

moderne21: Eine freie und verantwortungsvolle Plattform gegen die wachsende Staatsphobie



Video `Die Tacheles-Satiren´
PREMIERE

Die Tacheles-Satiren

Damit der Begriff `Tacheles´ nicht nur in Berlin bei Bankstern, Politikdarstellerinnen und Finanzjongleuren für Unbehagen sorgt, hat die Politik- und Kunstplattform moderne21 ihr Satire-Video danach benannt, das Dank des Internets überregional Irritationen bei Entscheidungsträgern verursachen kann.

# Kulturelle und fiskalische Besonderheiten Berlins: (Un)Kultur der Politik-Darsteller




ZIVILGESELLSCHAFTLICHE INITIATIVEN UNTER DEM DACH VON moderne21:

DIE NAMEN DER BETEILIGTEN SIND AUF DEN JEWEILS VERLINKTEN SEITEN AUFGEFÜHRT





Handzahme politische Systemkritik gegen wachsende Staatsphobie


POLITISCHE AKTIONSKUNST

Handzahme Systemkritik

Bis vor kurzem galt die Politik- und Satireplattform moderne21 noch als aggressiv und unversöhnlich. Inzwischen geben sich ihre Aktivisten moderater. Und haben damit Erfolg.

Reichstagsgebäude in BerlinDie Macher von moderne21 betreuen von Berlin aus vier gesellschaftspolitische Projekte. Das ist deutlich weniger als die Nudging-Arbeitsgruppe der Bundesregierung oder die parteinahen Stiftungen anbieten und schlägt daher laut Initiator Hartmut Lühr lediglich „mit Kosten im Promillebereich entsprechender offizieller Budgets“ zu Buche. Was der Aktionskünstler verschweigt ist, dass der Grad der Selbstausbeutung seiner Mitstreiter, die allesamt der neu entstandenen `digitalen Bohéme´ zuzuordnen sind, sehr hoch sein dürfte. Möglicherweise macht aber auch die inhaltliche Konzentration auf besonders sinnbildliche Probleme moderner Gesellschaften - wie Entwurzelung und Gewalt - die Stärke der ausgewählten Projekte aus, die in erster Linie über Videos und öffentliche Diskussionen ihr Publikum finden.

Auf der Startseite des eigenen Internetauftritts heißt es bescheiden: „Wir geben jenen Fehlgeleiteten eine Stimme und ein wenig Halt, die fälschlicherweise meinen, sie würden von staatlichen Institutionen bevormundet, von Politikern übervorteilt oder von der Wirtschaft ausgebeutet.“ Das klingt wenig spektakulär aber möglicherweise lassen sich gerade mit diesem wenig subversiven und dafür umso gefühlsbetonteren Stil bereits verloren geglaubte desillusionierte Menschen für das System der parlamentarischen Demokratie zurückgewinnen.

Vor etwas mehr als einem Jahr hielt man bei moderne21 noch die Selbstbestimmung des Individuums als Ideal hoch und kritisierte im Rahmen der vier Projekte Wir-sind-wichtig, Wahlabsage, Dudelstopp und Gewalt-geht-immer Phänomene wie politische Denkverbote oder die Zunahme vorzivilisatorischer Verhaltensweisen im täglichen Leben:


Violare Humanum Est


Das Projekt Gewalt-geht-immer thematisiert unter dem Motto `violare humanum est´ den für Laien häufig paradox anmutenden offiziellen Umgang mit Gewaltkriminalität.Prekariatsaction à la 'moderne21' Die Ansicht, das Strafrecht wirke nicht abschreckend, weil immer mehr Gewaltverbrecher in Deutschland ohne gerichtliche Verurteilung davonkommen, ist tatsächlich weit verbreitet und nicht ganz von der Hand zu weisen.
Allzu oft wird hierbei allerdings übersehen, dass die Begleitumstände von Gewaltkriminalität unverzichtbare Voraussetzung für hochprofessionelle Berufszweige in Justiz, Sozialarbeit oder der Sicherheitsindustrie sind. Deren Interessen sind naturgemäß wesentlich besser organisiert als die zusammengeschlagener Jugendlicher oder vergewaltigter Frauen. Diesen Zusammenhang stellen die Aktionskünstler deutlich heraus.

Ihr Projekt steht keiner politischen Partei, keiner staatlichen Institution und noch nicht einmal einem großen Medienunternehmen nahe, weshalb sie kein Blatt vor den Mund nehmen müssen: „Es ist tragisch, dass Bürgerinnen und Bürger Gewaltkriminalität immer ohnmächtiger gegenüber stehen. Nicht selten begeben sich allerdings Menschen auch freiwillig in gefährliche Situationen, so dass leider oft von einer erheblichen Mitschuld der Verbrechensopfer gesprochen werden muss“, heißt es auf der Homepage des Projekts.
„Das scheinen maßgebliche Politiker tatsächlich so zu sehen. Ehrlich darüber sprechen können sie nicht, sonst würden sie das staatliche Gewaltmonopol in Frage stellen“, bedauert der Jurist und moderne21-Unterstützer Dr. Eberhard Klaschka.
Offenbar ist es zeitgemäß und zudem wichtig, den neuen Trend zur Kriminalisierung von Opfern schwerer Gewalttaten mit satirischen Mitteln aufzuzeigen. Gefährdeten Menschen kann auf diesem Wege verdeutlicht werden, welche Risiken sie mit übertrieben couragiertem oder einfach auch nur selbstbewusstem Verhalten eingehen, wenn sie mit aggressiven Tätern konfrontiert werden: Wegsehen oder Abhauen ist oft die gesündere Alternative.


Ausbleibende Friedhofsruhe


Das Projekt Dudelstopp beschäftigt sich mit Gratismusik im öffentlichen Raum. Zunächst polterte man unter dem Slogan `Musik ohne Zwang´ heftig gegen die Freunde kostenloser Hintergrundmusik und heimste damit zahlreiche Solidaritätsbekundungen überforderter Verbraucher ein. Mit Aussagen wie „unter einem wummernden Kophörer ist selten die Intelligenz, aber um so häufiger das ADS-Syndrom zu Hause“ wurde billiger Beifall eingeheimst. Einer differenzierten Betrachtung der komplizierten Problematik um Hintergrundmusik, die für viele die Lebensqualität erhöht und sie für wenige reduziert, war das alles eher hinderlich.

Wirtschaftslobbyistin im RegierungsviertelDie Stopper führten Musikkonserven-Attacken von Jugendlichen -beispielsweise im öffentlichen Nahverkehr- als Beleg für die Entzivilisierung junger Menschen an: Heranwachsende wüssten durch das immer häufigere Fehlen von Geschwistern oder Vätern in der typischen modernen Familie mit Werten wie `Rücksicht´ nichts mehr anzufangen. Aussagen dieser Art mussten ohne ausreichende wissenschaftliche Beweise haltlos bleiben und stießen verständlicherweise bei den Redakteurinnen der öffentlich-rechtlichen Massenmedien auf wenig Gegenliebe. Die Aktion drohte für die Öffentlichkeit in Vergessenheit zu geraten.

Gegen die viel zu einseitige Vorgehensweise der Dudelstopper wandte sich Dr. Sonja Peters aus München-Schwabing: „Es muss ein fairer Ausgleich zwischen den Interessen der Musikindustrie und den wenigen Menschen herbeigeführt werden, die ihre Freiheit durch umsonst bereitgestellte Unterhaltungsprodukte aus welchen Gründen auch immer eingeschränkt sehen.“ Mit dieser klaren Kampfansage gegen allzu platten Populismus auf dem Rücken der durch die negativen sozialpsychologischen Begleiteffekte des demografischen Wandels ohnehin schwer angeschlagenen Jugend setzte sich die smarte BWL-Dozentin aus Bayern durch und wird in Zukunft das Image von Dudelstopp weiter entradikalisieren. Peters´ neuer Slogan für das Projekt lautet „Wollen wir Friedhofsruhe ?“.


Politik oder Demokratie?

Das zunächst noch sehr populistisch angehauchte Projekt Wahlabsage setzte sich mit dem Nichtwählerphänomen auseinander. Unter der Devise „Mehr Demokratie, weniger Politik“, die sich gegen die wachsende Politikverdrossenheit richtete, politische Diskutantenerntete man zunächst einiges an Aufmerksamkeit. Dass bei der Behandlung des sensiblen Themas aber zum Teil auch falsche Töne angeschlagen wurden, merkte Politikwissenschaftlerin Uta Hanak spätestens als sie die Kommentare zum ersten Wahlabsage-Videoclipp im Internet las: „Wir wurden sehr hart angegangen. Neben einer Minderheit, die mit unserer Arbeit einverstanden war, bezog das Projekt verbale Prügel sowohl von Jungsozialisten als auch von jungen Deutschnationalen, die jeweils ihre politischen Vorstellungen durch Projekte wie unseres gefährdet sahen.“ Diese Schmähungen war sie nicht länger bereit zu dulden und setzte sich damit auch bei ihren Mitstreitern von moderne21 durch.
So wechselte das Projekt seinen Namen in Wahlzusage, um folgerichtig künftig für „Mehr Politik und weniger Demokratie“ einzutreten: „Eins von beiden geht leider nur, schon alleine wegen der Logik“, bedauert Hanak, die den Richtungswechsel bis heute verteidigt, auch wenn die Medien dem neuen Projekt bislang die kalte Schulter zeigen. Eine unvermeidliche Folge des Wechsels von schrillen hin zu verantwortungsvollen Darstellungsformen ?

Auf der Homepage heißt es: „Wenn einer Demokratie die Wähler ausgehen, droht über kurz oder lang die Anarchie – menschliches Miteinander ohne staatlichen Ordnungsfaktor kann jedoch kein vernünftiger Mensch ernsthaft befürworten.“
Die Aktivisten dürfen sich von Politikern wie Jörn Thießen (SPD) bestätigt sehen, die mittlerweile die Einführung der Wahlpflicht für die Bundesrepublik fordern.


Die Wirtschaft dankt


Der Name Wir-sind-wichtig des jüngsten Projekts beschreibt eine stark verbreitete Selbsteinschätzung moderner Individuen. Sich ihrer Einzigartigkeit bewusste und von Bindungszwängen weitestgehend befreite Menschen sind das Rückrad einer leistungsfähigen Wirtschaft und eines expandierenden Wohlfahrtsstaats. Bei der Kunstplattform moderne21 hat man die stetig wachsende Zahl durchökonomisierter Biografien, die den Anforderungen des kapitalistischen Marktsystems voll und ganz gerecht werden, bereits seit mehreren Jahren aufmerksam verfolgt und will die Millionen Einzelkämpfer mit dem neuen Projekt würdigen, ermutigen und trösten.

Internet-Skeptikerin Der ehemalige Musikmanager Ludwig Kamberlein, der das Projekt betreut, hält es für wichtig, dass die psychologischen Folgen des Wirkens mehrerer Generationen von Sozial- und Wirtschaftspolitikern sowie von Managern „endlich einmal im Rahmen einer ambitionierten und ungewöhnlich ehrlichen Projektreihe dokumentiert werden.“ Die Bürger bringen mittlerweile große private Opfer für das reibungslose Funktionieren von Wirtschaft und Sozialstaat, die noch vor wenigen Jahrzehnten undenkbar gewesen wären. In der Folge fühlen sie sich berechtigterweise einfach zu wichtig, um ihre Lebenskraft und ihre Kreativität für anfällige soziale Bindungen in Familie, Freundeskreis und Nachbarschaft drohendem Verschleiß auszusetzen. „Dass viele als Ausgleich für wachsende Einsamkeit auf Konsum und Selbstverwirklichung setzen, ist doch nur zu verständlich. Sollen wir ihnen ihren einzigen Trost etwa madig machen ?“, fragt Kamberlein und klingt dabei ehrlich bekümmert.

Zusätzliche Identitäten und riesige anonyme Freundschaftsnetzwerke im Internet sind im Kommen und nichts, weswegen moderne Individualisten sich schämen sollten. Die Menschen mögen früher lebenslange und verlässliche soziale Bindungen miteinander eingegangen sein – heute kann sich jeder mit seinen vielen Talenten überall wenn nicht ständig als Superstar so doch wenigstens als ewiger Geheimtipp im Netz oder in der kleinen Galerie nebenan fühlen. Die Macher von Wir-sind-wichtig interpretieren das als zivilisatorischen Fortschritt, den sie moralisch unterstützen wollen.


Und nun ?


Inzwischen hat man sich weiter entwickelt, hat sich der grundsätzlichen Kritik am Kapitalismus durch die maßgeblichen politischen Kräfte angeschlossen und mahnt folgerichtig einen kontinuierlichen Ausbau des Wohlfahrtsstaates an. Denn auch bei der Berliner Politikplattform hat man begriffen, dass Bestrebungen nach mehr individuellen Freiheiten durch den rapiden Abbau familiärer und sozialer Bindungen der Menschen immer mehr der Boden entzogen wird. Vor diesem Hintergrund an emanzipatorischen Zielen festzuhalten, hieße die Lebenswirklichkeit einer wachsenden Bevölkerungsmehrheit zu ignorieren und so das Unbehagen der durch ihren rasanten Wandel zutiefst verunsicherten Gesellschaft unnötig zu verstärken.

Die Aktivisten haben eingesehen, dass dem Staat wachsende Verantwortung für die Bürger zukommt, die - in die richtigen Bahnen gelenkt – möglicherweise sogar Zufriedenheit und Zuversicht bei den Menschen stärken kann. Mit dem neuen moderaten Stil hat man bei moderne21 offenbar viel dazugelernt. Ob die Einsicht in frühere Fehler authentisch ist, innerer Überzeugung entspringt oder einfach nur Teil einer neuen Verwirrungsstrategie gegenüber der gutgläubigen Öffentlichkeit ist, muss sich erst noch herausstellen. Jedenfalls könnte es das demokratische Miteinander in der Bundesrepublik tatsächlich stärken, wenn es gelänge, ehemals unberechenbare Freigeister in offene Politik- und Kunstplattformen wie moderne21 einzubinden, damit sie sich dort an einer fruchtbaren öffentlichen Diskussion über die Zukunft der Gesellschaft beteiligen.
Tatsächlich scheint die Bindungskraft der parlamentarischen Demokratie in der Bundesrepublik größer als lange Zeit angenommen.

Der Beweis, dass die Akteure um Lühr nach früheren Misstönen tatsächlich geläutert ihrer Verantwortung als öffentliche Meinungsmacher gerecht werden, steht noch aus. Zunächst sollten sie einfach beim Wort genommen werden, wenn sie vorgeben, den konstruktiven Dialog mit den Mächtigen suchen und auf diese zugehen zu wollen, „um sie brüderlich zu umarmen“. Letzteres ist hoffentlich nicht doch als versteckte Drohung zu interpretieren.


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Hörspiel
'Staatsnah ... geht die Moderne stiften'
von Hartmut Lühr (Buch/Regie/Schnitt)
Die staatsnahe Stiftung 'moderne21' fördert jährlich eine zivilgesellschaftliche Initiative mit einer hohen Summe. Dieses Mal gibt es gleich vier Bewerber, die die Stiftungskuratoren vor eine schwere Wahl stellen: Um die Finanzspritze konkurrieren persönliche Vertreter der Initiativen `Dudelstopp´, `Gewalt-geht-immer´, `Wir-sind-wichtig´ und `Wahlzusage´. Wer streitet vor den Kuratoren am gewieftesten für seine Initiative ?
mit Manfred Callsen (Wessel),
Nadia Panknin (Schmidt-Peters),
Nina Ernst (Holpert-Mang),
Andreas Goebel (Opaschewsky),
Udo Wiegand (Klaschka),
Ninoschka Schlothauer (Goekdal).
54 Min. | 43 MB | DOWNLOAD / PLAY









Aktivist beim vergeblichen Versuch, mit dem Bundesverband Musikindustrie Friedensverhandlungen aufzunehmen



Video-Stellungnahmen aus den 'Tacheles-Satiren'


INITIATIVE DUDELSTOPP

Ärztliche und moralische Stellungnahmen zu Dudelei im öffentlichen Raum

ÄRZTIN IN IHRER PRAXIS: Eigentlich bin ich ja Ärztin geworden, weil ich Menschen helfen wollte. Ich hab´ das während des Studiums mitbekommen, dass `Helfen´ durchaus auch ein gängiger Gedanke bei Kommilitonen war neben dem Mittwoch als Ruhetag. Die kriegen selbst die vielen Gesundheitsreformen nicht ganz aus einem raus, diese altruistische Grundeinstellung. Und deshalb hab´ ich da oft so´n ungutes Gefühl, wenn die Leute mit `ner gemeinen Grippe, mit Durchfall oder mit Ausschlag in meine Praxis kommen und ich lasse sie im Wartezimmer dann noch mit Radio HundertKommaKrampf zwangsbeschallen. Irgendwelche Verbandsfunktionäre haben nun einmal in den 90er Jahren festgelegt, dass die Gesellschaft der Sucht dieser bedauernswerten Lärmjunkies mit ihrer Stille-Phobie ebenso zu entsprechen hat wie beispielsweise dem Bedürfnis männlicher Singles über vierzig nach dem unbehelligten jährlichen Thailand-Urlaub.

MORALIST VOR DEM BERLINER ROTEN RATHAUS: Ich erinnere mich noch an die Verarsche eines Provokationskünstlers in so einer langweiligen Talkshow vom Alexanderplatz: Da hatte der eine scheinheilige Offerte an die Berliner Fascho-Rapper aus Kreuzberg abgegeben, ihnen eigenhändig Lesen und Schreiben beizubringen. Die engagierte Kultursenatorin, die auch in der Sendung war, hatte natürlich gleich Gift und Galle gespien: Solche unkorrekten Stänkereien würden die Anbiederungspolitik des Senats an den Pöbel aus den Problembezirken sabotieren. Dann hat sie noch rumgelabert, dass hinter den faschistoiden Lyrics dieser Chauvies für sensible Menschen ja durchaus eine unterdrückte Sehnsucht nach Frieden herauszuhören sei. Na klar - das würde ich natürlich auch behaupten, wenn ich diesen reaktionären Mist mit Riesensummen aus Steuern fördern würde. Manchen Leuten sind ihre Lebenslügen wirklich verdammt viel fremdes Geld wert !


INITIATIVE DUDELSTOPP

Konsumistische, Insider- und historische Stellungnahmen zu Dudelei im öffentlichen Raum

KONSUMENTIN: Natürlich schlägt einem das auf die Stimmung, wenn man beim morgendlichen Brötchenkauf mit so etwas wie Xavier Naidoo konfrontiert wird. Man fragt sich doch: Was habe ich eigentlich verbrochen ? Hab´ ich gestern aus Versehen das Hunde- mit dem Katzenfutter verwechselt oder den Müll falsch getrennt oder sowas ? Oder war ich in meinem vorigen Leben so ein schlechter Mensch, dass man mich deshalb mit Christina Aguilera bestraft, wenn ich mir heute einen Slip kaufen gehe in `nem Kaufhaus ? Diese Läden sind nun einmal ziemlich anonym und automatisiert, da kommen die damit durch. Sonst würde man die Leute ja vermutlich nicht so konfrontieren, wenn man ihnen beim live-Singen in die Augen schauen müsste !

INSIDER: Ich würde den Leuten bei der GEMA nicht vorwerfen, dass die vorsätzlich Mist bauen. Eigentlich möchte ich sie sogar in Schutz nehmen. Alle Organisationen entwickeln doch nach ein paar Jahrhunderten ein Eigenleben und entfernen sich von der Realität. Da kommen dann irgendwelche Brüder bei denen vorbei wie Pur oder Bushido und melden Ihre Machwerke als Musik an ... und die Angestellten denken dann vielleicht wirklich nicht an Naheliegendes wie geschlossene Psychiatrie oder Nötigung, sondern nehmen das guten Glaubens in ihren Katalog auf. Weil sie sonst Ärger mit dem Chef bekommen und weil sie vielleicht auch schon etwas abgestumpft sind. Und dann kann sich das Zeug natürlich ungestört verbreiten. Da muss keine böse Absicht dahinter stecken.

HISTORIKER: Als Historiker frage ich mich, ob man in diesen modernen Zeiten nicht einfach schon ein bisschen sehr verweichlicht ist ? Uns geht’s doch im Großen und Ganzen recht gut in Europa, oder ? Ich meine, bis vor 60 Jahren hatten wir hier noch `nen gigantischen grausamen Krieg mit Abertausenden von Toten. Im Mittelalter wütete die Kirche mit ihrer Inquisition und wollte am liebsten jeden verbrennen, der an sowas wie Vernunft im Menschen glaubte. Und wenn sie sie nicht gleich umbrachten, haben sie ihre aufgeklärt denkenen Opfer wenigstens gefoltert, ihnen Daumenschrauben angelegt oder sonst was Fieses. Also ich meine, im Vergleich dazu ist diese ärgerliche akustische Verfolgung durch Volksmusik und Hiphop wirklich `ne ganze Ecke weniger schlimm. Die kann man durchaus aushalten, davon stirbt man nicht.

INITIATIVE DUDELSTOPP

Moralische und ärztliche Stellungnahmen zu Ausgleichszahlungen für erlittene Dudelei

MitwirkenderMORALIST: Es war ja damit zu rechnen, dass Lösungsvorschläge nicht aus den Reihen der Politik kommen, sondern dass sich eines Tages innerhalb dieser großen Gesellschaft da in München ein paar Menschenfreunde zu Wort melden würden. Wie die Dissidenten damals in der Sowjetunion. Es ist sicher ihnen allein zu verdanken, wenn jetzt erstmals öffentlich daran gedacht wird, den Geldstrom umzulenken. Das Ziel `Plagegeister´ auszutauschen gegen das der unfreiwilligen Zuhörer und endlich Gerechtigkeit herzustellen: Wer zuhören muss, obwohl er es nicht will, wird bezahlt, nicht wer singt, obwohl viele ihn nicht hören wollen. Vielleicht hat man bei der GEMA auch einfach keinen Nerv abzuwarten, bis die ersten Schadensersatzklagen wegen Nötigung öffentlichkeitswirksam die Gerichte beschäftigen. Aber ob jetzt aus Einsicht oder aus Schadensvermeidung: Das zu beobachtende Umdenken ist auf jeden Fall zu begrüßen.

ÄRZTIN: Ich bin sicher, dass die angedachten Neuregelungen positive Auswirkungen auf die Gesundheit haben werden. Mit einer Vergütungsregelung unter umgekehrten Vorzeichen würde die Emittierung von Lärmprodukten für die Unterhaltungsindustrie wesentlich teurer, so dass sie sich sicher zweimal überlegen würde, wie häufig sie die Bevölkerung mit ihren Produkten `erfreuen´ will. Ich gehe für diesen Fall von einer deutlichen Reduktion der Belastung aus. Aber auch, wenn es so käme: Die Großen würden vermutlich zunächst überleben. Starke angelsächsische Typen wie Phil Collins oder Madonna würden sich wohl erst einmal weiterhin halten. Aber man könnte immerhin hoffen, dass die einheimischen Varianten wie Catterfield oder Sido zurückgedrängt würden oder wenigstens auf ihre natürliche Umgebung beschränkt blieben - schattige Hinterhöfe und Sozialquartiere - was natürlich ebenfalls nicht hinnehmbar wäre.

HISTORIKER: Die Geschichte wird letztendlich zeigen, welcher Entwurf in Sachen Lebensqualität sich jetzt zu Beginn des neuen Jahrtausends durchsetzen wird. Ob Menschen, die Ruhe zum neuen Luxus erhoben haben, mit ihrem Projekt zur Huldigung des Phänomens `Stille´ in einer von den staatlich gestützten Anmaßungen des Lärms geplagten Umwelt eine Chance haben gegen die Wir-lassen-überall-das-Radio-spielen-Welle und das Wenn-das-Gedudel-aussetzt-bekommen-wir-Angstzustände der Beschallungssüchtigen.

INITIATIVE DUDELSTOPP

Insider-, konsumistische und historische Stellungnahmen zu Ausgleichszahlungen für erlittene Dudelei

INSIDER: Jetzt scheint sich allerdings einiges zu ändern: Die Spatzen pfeifen´s in Berlin-Schöneberg und in München-Haidhausen von den Dächern, dass der Verbraucherschutzgedanke auch bei der altehrwürdigen GEMA angekommen zu sein scheint. Natürlich muss zunächst noch einigen Verbandsfunktionären mit Teufelsaustreibung gedroht werden. Und reichlich Lobbyisten mit der Steuerfahndung ... wie so oft, wenn der Vernunft zum Sieg verholfen werden soll. Es wird unschöne Szenen geben, wenn es erst einmal so weit ist mit der Neuregelung der Vergütung für den angerichteten Lärm. Mancher Zweitwagen und manche Zweitfrau müssen abgestoßen werden, wenn die Gewinnler die Bühne verlassen. Aber die Experten sind sich einig: Wenn danach die Karten neu gemischt werden, können die bis jetzt Gelackmeierten nur gewinnen.

KONSUMENTIN: Wenn es jetzt so kommt, dass für die Lärmbelästigung -die musikalische- bald Geld gezahlt werden muss, dann heißt das auch, dass man die ganze Zeit doch nicht ganz falsch gelegen hat: Dass das Gefühl für Recht und Unrecht einen doch nicht getrogen hat und man durchaus zwischen gut und schlecht unterscheiden kann. Man galt ja gleich als angestaubt, wenn man sich nicht so richtig über das Gestammel und Gegreine aus den Lautsprechern freuen konnte. Wenn das jetzt hoffentlich bald wegfällt, wird man vielleicht mit dem einen oder anderen Kunden im Laden mal ein freundliches Wort wechseln können oder mit den armen Verkäufern. Ob die Geschäftsleiter Angst davor haben, dass man sich vielleicht lieber unterhält, statt einzukaufen ? Naja, und falls der Lärm dennoch weiterlaufen sollte, kann man sich von der fälligen Entschädigung, über die jetzt alle reden, immerhin ein paar Dosen Hundefutter mehr kaufen.

HISTORIKER: `Volle Dröhnung für freie Bürger´ oder `Weniger ist mehr für die Asketen unserer Tage´ ? Opium für´s Volk ? Musik für die Massen ? Dezibel für die Werktätigen ? Die Diktatur der satten Bässe und der extatischen Höhen ? Wer will sich denn hier davonstehlen aus der kollektiven sleazy-listening-Orgie ? Sie etwa ? Na hören Sie mal !

INITIATIVE GEWALT GEHT IMMER

Sozialarbeiterische und juristische Stellungnahmen zu Gewaltkriminalität

SOZIALARBEITERIN: Also ich wundere mich nicht über anhaltende Probleme mit Kriminalität und zunehmender Brutalität. Nicht solange es weiterhin auf allen Ebenen an der Einsicht mangelt, dass wir in Sachen `Prävention´ unser Sozialbetreuungssystem konsequent weiter ausbauen müssen. Wir hinken im Vergleich zu Wolkenkuckucksheim schon seit Jahrzehnten hinterher. Selbst aus dem nicht gerade für kommunistische Umtriebe bekannten Hamburger Institut für Volkswirtschaft kommt die Forderung nach deutlich mehr SozialarbeiterInnen für unsere Städte. Wir sind leider noch meilenweit von einer Quote `Zwei Pädagogen auf einen Problemfall´ entfernt. Von einem optimalen Niveau `eins zu eins´ ganz zu schweigen. Man kommt sich beinahe vor wie in einem Entwicklungsland.

RICHTER: Häufig sind in den Medien Großaufnahmen der Angehörigen von Opfern brutaler Gewaltverbrechen zu sehen. Meist mit fassungslosem Gesichtsausdruck – nach angeblich viel zu niedrigen Urteilen. Beispielsweise drei Jahre auf Bewährung für Mord, den wir ja eigentlich lieber Totschlag nennen. So entsteht leider der Eindruck, übertrieben milde urteilende Richter würden sich an der Ohnmacht der Betroffenen weiden. Manche Psychologen sprechen sogar von einer unbewussten Komplizenschaft durch die Richter, die sich lieber mit den Tätern als mit den Opfern solidarisieren. MitwirkenderDie Juristen würden mit ihrer für Außenstehende schwer nachvollziehbaren aggressiven Milde gegenüber Verbrechern der eigentlichen Tat ganz offiziell noch eins draufsetzen und sich vorkommen. Das ist natürlich totaler Unsinn.

REFERENTIN: Der zu beobachtende neue Trend, vermehrt Opfer von Gewaltkriminalität in den Medien -auch in unseren eigenen öffentlich-rechtlichen- zu thematisieren, wird bei uns im Justizministerium zunehmend mit Sorge beobachtet. Unerfreuliche Vorgänge in der Gesellschaft werden damit auf eine emotionale Ebene befördert, die nicht objektiv sein kann.

INITIATIVE GEWALT GEHT IMMER

Kriminelle, soziologische und juristische Stellungnahmen zu Gewaltkriminalität

KRIMINELLER: Ich hatte keine schwere Kindheit. Kann ich nicht behaupten. Sicher nicht schwerer als die von anderen Leuten. Und ich gehöre wohl auch zu den ganz wenigen Menschen in Deutschland, die als Kind nicht von ihrem Vater oder Stiefvater missbraucht worden sind. Aber wenn mir jede Menge Staatsdiener und Studierte so´n Stuss einreden wollen – bin ich dann verpflichtet, das richtig zu stellen ? Soll ich mit übertriebener Ehrlichkeit meine Bewährung auf´s Spiel setzen ? Bisschen viel verlangt. Diese „Experten“ freuen sich total, wenn man ihnen erzählt, was sie hören wollen: Staatsanwälte, Seelendoktoren, Sozialklempner ... also tue ich ihnen den Gefallen und spiele mit. An der Wahrheit sind die nicht wirklich interessiert. Ich weiss nur, dass die uns dringend brauchen, sonst hätten sie ja nichts mehr zu tun.

SOZIOLOGE: Täuschen wir uns nicht: Kriminelle Gewalttäter sind nach wie vor strukturell bedingt ganz überwiegend Männer. Und zwar solche, die sich den staatlichen Gleichstellungs- und Gender-Mainstreaming-Vorgaben entziehen. Trotz einseitiger und verantwortungsloser Hass- und Hetzpropaganda aus dem Internet, das leider teilweise die Kooperation mit der Politik verweigert, lässt sich die Verwaltung dennoch nicht vom rechten Weg notwendiger Maßnahmen abbringen. Mit `Totalitarismus´ hat das trotzdem nichts zu tun: Spätestens wenn wir die beiden Geschlechter vereinheitlicht haben – mit klarem Akzent auf positiven weiblichen Eigenschaften – wird überdeutlich werden, dass sich vor den von Brüssel und Berlin geförderten `neuen Menschen´ keiner zu fürchten braucht. Denn dann wird niemand mehr aus der Rolle fallen.

REFERENTIN: Die Gründe, warum Menschen zu Gewalttätern werden, sind äußerst komplex und noch längst nicht genug erforscht. In den allermeisten Fällen werden sie in die Täterrolle gedrängt, das bestätigen Psychologen, Soziologen und Kriminologen. Wir arbeiten intensiv an Lösungen und können für die Zwischenzeit von unserer Seite den Verbrechensopfern, die es natürlich auch gibt, das bestreiten wir gar nicht, den weißen Ring empfehlen.

INITIATIVE WAHLABSAGE

Skeptische, reuige und alternative Stellungnahmen zum Wahlverdruss

SKEPTIKER: Die allermeisten Wahlberechtigten machen in regelmäßigen Abständen von ihrem Stimmrecht Gebrauch - Naja ... und wenn die allermeisten von der Brücke springen ? Muss ich dann vielleicht hinterher ? Nein, dabei kommt keine Freude auf, wenn man nicht wirklich hinter der Sache steht. Man drückt durch dieses Kreuz, zu dem man sich auf dem Wahlschein durchringt, schließlich genau das aus, was man nicht ausdrücken will: Zustimmung. Was die deutschen Führungsschichten überhaupt nicht drauf haben, ist die Kunst des sauberen Abgangs. Lieber überschütten sie uns mit teuren Wahlgeschenken auf Kosten späterer Generationen. Hätten Sie sich als Kind über die Eisenbahn von Tante Elfie zu Weihnachten gefreut, wenn Sie gewusst hätten, dass Tante Elfie dafür am Essen sparen musste ?

REUMÜTIGE: Ich hatte alle vier Jahre wiederkehrende Phasen mit üblen Schlafstörungen. Unruhig schläft man ja meistens, wenn einem sein Unbewusstes irgendetwas mitteilen will. Es beschränkte sich aber nicht nur auf die Nachtruhe. Mir fiel außerdem auf, dass ich nur mit Widerwillen in den Spiegel geschaut habe, ohne dass es dafür einen vernünftigen Grund gab. Hatte ich irgendetwas Schlimmes getan ? Und dann kam ich endlich dahinter, weshalb ich mich so schlecht und -ja, schuldig- fühlte: Ich war stur alle vier Jahre wählen gegangen. Obwohl ich intuitiv eigentlich wusste, dass ich damit die ganz falschen Kräfte in diesem Land gestärkt habe. Aber ich kann Ihnen sagen: Von diesem Trip bin ich endgültig runter. Außer auf dem Lottoschein mache ich künftig nirgends wo mehr Kreuze und schlafe wieder durch.

ALTERNATIVER: Wir gründen gerade 'ne anarchistische Anti-Partei, ich und ein paar Kumpels. Sind auch Frauen dabei. Für Protestwähler ... und für unsere Haushaltskasse, da bin ich ganz radikal ehrlich. Harz IV reicht nämlich hinten und vorne nicht. Fallt bloß nicht auf die anderen Spaßparteien rein: die Pogos, die Titanics oder die Schlingensiefs. Den finden alle zwar knuffig, aber mit seiner Chance 2000 hat er vielen Leuten falsche Hoffnungen gemacht. Unter uns: Wenn Ihr wirklich was ändern wollt, verzichtet lieber ganz aufs Wählen. Lasst Euch nicht von basisdemokratischen Spinnern mit runden Tischen oder Graswurzelbewegungen einlullen. Die sind inzwischen so was von abgefrühstückt ! Wenn Ihr Euch den Gang zur Urne schon nicht verkneifen könnt, dann wählt lieber uns Antis. Die Bewegung dankt !

INITIATIVE WAHLABSAGE

Zynische, feministische und marktorientierte Stellungnahmen zum Wahlverdruss

Mitwirkende ZYNIKERIN: Ich muss mich gerade sehr beherrschen, denn diese Nichtwähler-Förderung ist ja wohl das Allerletzte in meinen Augen ! Leute, die Parlamentariern die Unterstützung entziehen wollen ... Die mögen sicher auch keine Geländewagen oder Rap. Hierzulande darf doch wirklich jeder Querulant eine eigene politische Vereinigung gründen. Warum also feiger Wahlboykott ? Diese Systemkritiker wollen also partout den Lobbyisten und ihren Regierenden das Leben schwer machen. Na gut, dann sollten sie uns vielleicht lieber einfach mit einer Partei gegen Arschlöcher überraschen ! Das wäre witzig und nicht wirklich eine Gefahr für die Demokratie. Denn ich wette, von -na sagen wir mal- Mercedesfahrern oder Kampfhundehaltern würden die nicht eine Stimme bekommen.

FEMINIST: Ich denke, wenn Leute ihren eigenen Weg gehen wollen, wenn sie `frei´ sein wollen, ist das sehr egoistisch. Was ist denn bitte mit denen, die das nicht können oder wollen ? Soll man die vielleicht sich selbst überlassen ? Ich finde das verantwortungslos und man sollte es einfach nicht erlauben. Naja, tut man bei uns ja zum Glück auch nicht. Von alleine sind Menschen nun mal nicht solidarisch. Wer sonst soll uns denn alle vor weißen, heterosexuellen Männern beschützen, wenn nicht ein starker Staat ? Der ist doch allemal der Führung eines starken Mannes vorzuziehen. Ich lasse mich sowieso viel lieber von Frauen regieren, da breche ich mir keinen Zacken aus der Krone. Die machen das schon von Natur aus viel menschlicher. Für mich ist gute linke Politik ganz klar weiblich.

GESCHÄFTSFRAU: Es ist doch einfach wunderbar, sich schöne Dinge leisten zu können. Wer das nicht zugeben will, ist in meinen Augen ein Heuchler. Das Streben nach Besitz verbindet die Menschen schließlich miteinander. Oder sollen wir uns etwa wieder zurückentwickeln, in Großfamilien leben und freiwillig auf Einkommen verzichten ? Dann bleibt für diejenigen ohne Karriere ja gar nichts zu tun übrig. Wenn es der Wirtschaft nicht gut geht, ist das schlecht für alle, auch für uns Arbeitnehmerinnen. Deshalb sollten wir mehr Opfer bringen für´s Gemeinwohl: Mehr Flexibilität, weniger Selbstverwirklichung. Nur weil die Lobbyisten in Brüssel und Berlin das genauso sehen, ist es ja deswegen nicht falsch. Trotzdem sollten freie Märkte idealerweise natürlich den Menschen dienen und nicht umgekehrt.

INITIATIVE WIR SIND WICHTIG

Hedonistische, sozialpädagogische und tierfreundliche Stellungnahmen zum Berliner Mehrwert

PARTYBOY: Es ist ja kein Geheimnis, dass man im Süden der Republik eher reich und weniger sexy ist. Wir Berliner pöbeln einfach los, wenn uns das Geld nicht reicht. Damit ist sind wir immer gut gefahren. Wir verkriechen sich nicht verschämt in die Ecke, das entspricht einfach nicht unserer Art. Und Dank unserer Kodderschnauze wissen alle bis nach Bayern runter, woran sie sind und können aushelfen. Wenn fiese Journalisten unsere Szenepartygänger runtermachen als 'Verhärmte Großstadt-Amazonen, tumbe Stiernacken mit Glatze, graue Mäuse und halbe Portionen' dann spricht daraus einerseits sicher Futterneid. Es zeigt aber andererseits auch, dass unser Senat immer noch nicht genug ausgibt für Aufklärungskampagnen über freie und öffentliche Sexualität. Dafür brauchen wir dringend mehr Geld.

SOZIALPÄDAGOGE: Jedes Jahr verlassen zigtausend junge Fachkräfte Deutschland, weil sie hier keine 'Zukunft' für sich sehen. Die können sich gerne verziehen mit ihrem wertvollen Expertenwissen ! Wir Überlebenskünstler bleiben der Hauptstadt treu. Hier sind unsere Ausbildungen in Sozial- und Verwaltungswissenschaften gefragt - und die stehen ethisch und moralisch sowieso viel höher als IT- oder Ingenieurs-Knowhow. In der Berlin ist man zum Glück überhaupt nicht elitär drauf und das ist auch gut so. Es wird hier nicht gerne gesehen, wenn sich manche mit unsozialem Verhalten oder Talent Vorteile im Leben verschaffen wollen. Dass sich bei uns immer mehr Privatschulen breitmachen, bei denen es um Auslese und Leistung geht, dagegen legen wir uns mächtig ins Zeug. Das sollte stärker gefördert und honoriert werden.

HUNDEHALTERIN: Die Stadt ist quasi ein riesiges Experimentierfeld für neue moderne Lebensstile, die von den Politikern vorgegeben werden und für die wir alle uns zur Verfügung stellen. Aber mal unter Großstädtern: Soziale Experimente können auch misslingen. Wir sind schließlich keine Laborratten, sondern Menschen aus Fleisch und Blut. Denn die Folgen tragen wir: Medikamente und Psychiater, das kostet alles Geld. Wenigstens das sollte man uns stellen. In vielen Dingen ist man an der Spree schon weiter. Mensch und Tier leben hier zum Beispiel viel enger und inniger zusammen als selbst auf dem Land. Wenn deutsche Hunde und Katzen die freie Wahl hätten: Die würden nach Berlin ziehen und ich finde, das sagt einiges über die Lebensqualität dieser Stadt aus: Die ist längst auf den Hund gekommen und ich meine das im positiven Sinne.

INITIATIVE WIR SIND WICHTIG

Journalistische und karrieristische Stellungnahmen zum Berliner Mehrwert

JOURNALIST: Ich habe mich gerade beim Fernsehen beworben, denn ich bin Journalist und muss an meine Zukunft denken. Als Zusatzqualifikation kann ich anführen, dass ich gerade ein Jahr auf Voluntariat in Russland war. Wie die Obrigkeit sich fürsorglich um ihre Bürger kümmert, weiß man dort sehr genau. Ich habe da einiges lernen können. Und inzwischen machen mich abweichende, schädliche Meinungen richtig krank. Dann gibt es natürlich noch Angst als ganz wichtigen Gegenstand für die Arbeit bei den Medien. Dafür habe ich zum Glück ebenfalls ein gutes Gespür, denn die nächste Coronagrippe kommt bestimmt und falls nicht, werden gute Redakteure gebraucht, die Ersatz finden. Zulässige Alternativen sind Armut - ganz groß im Kommen - Alter, Kriminalität. Gegen die helfen natürlich nur die Experten vom Staat. Und der wird hoffentlich auch demnächst für meine Bezahlung sorgen.

Mitwirkende KARRIEREFRAU: Niemand mit einem lebendigen Innenleben ist wirklich einsam zu nennen. Was sind schon Freunde gegen ein gutes Buch, in dem man abends gemütlich auf dem Sofa liest ? Was ist ein Liebhaber oder Ehemann gegen die einzigartige musik von Bach auf einer unvergänglichen CD oder die perfekt inszenierte Traumwelt auf einer romantischen DVD ? Was sind schreiende und plärrende Kinder gegen einen ergebenen Vierbeiner an deiner Seite. Was das eine gegen das andere ist ? Ja genau. Also, ich komme immer mehr zu dem Schluss: eine ganze Menge. Wenn ich tauschen könnte, würde ich nicht zögern. Ich würde gerne anders leben inzwischen. Du kannst nicht mehr tauschen, du hast schon vor Jahren die Weichen für ein modernes Single-Dasein gestellt. Alle - ohne Ausnahme - haben mir zu einer erfolgreichen Karriere geraten: Starke Frauen, moderne Männer, Wirtschaftsfunktionäre Politikerinnen - alle wollen Sie mein Bestes, das perfekte Leben. Schade nur, dass es niemand mit mir teilt.


Hörspiel
'Gewalt geht immer' - 2 Kurzhörspiele
Realisiert von Hartmut Lühr
Dass es auf Berlins Straßen ein wenig ruppiger zugeht als anderswo, ist gemeinhin bekannt und wird am 1. Mai sogar eher zu den Aktivposten der Hauptstadt gezählt. Doch was ein Ego-Shooter mittleren Alters sich kürzlich an politisch motivierter Gewalt auf einer belebten Einkaufsmeile der Spreemetropole erlaubt hat, ging eindeutig zu weit...
mit Ninoschka Schlothauer (Mode-
ratorin), Harald Geil (Korrespondent),
Monika Gossmann (Aussteigerin),
Leo Greller (Informant) u.a.
46 Min. | 42 MB | DOWNLOAD / PLAY








Aktivisten des Tacheles mit Hunderten Unterschriftenlisten vorm Brandenburger Tor 2011